Montezuma – ein wenig Bohemia für die Seele

Montezuma – ein wenig Bohemia für die Seele

von Michelle Richner

Montezuma, das ehemalige Fischerdorf auf der Nicoya-Halbinsel im Nordwesten Costa Ricas ist nicht nur ein alternatives Eldorado für Hippies, Künstler, Yogis und Surfer, sondern vor allem auch eine zwischen Pazifik und tropischem Regenwald eingebettete Oase der Lebensfreude. Pura Vida, wie man hier zu sagen pflegt, wird auf gelassene, herzliche Weise verstreut. Und sie ist ansteckend.

In Montezuma lebt man mit einer berührenden Selbstverständlichkeit im Einklang mit Flora und Fauna. So turnen Leguane nachts nicht selten auf Bungalowdächern rum und rauben einem den Schlaf oder plündern Affen gerne mal die Veranda und brüllen laut um sich. Selbstverständlich am liebsten in den frühen Morgenstunden. Auch Waschbären, Eichhörnchen, Hirschen oder Pferden begegnet man mit beidseitiger Gelassenheit. Wen wundert’s, dass in Costa Rica die Jagd verboten ist. Auch Hund und Katz gehören zum Leben dazu. Und wie. So gehen Hunde abends alleine aus, Freunde in anderen Restaurants besuchen halt, und sind Katzen Facebook- und Instagramstars mit eigener Yogamatte. Nach kurzer Zeit vergisst man hier sogar, dass man sich ja eigentlich vor Spinnen, Insekten oder Heuschrecken ekelt. Sie machen einem ja tatsächlich nichts.

Montezumas bekanntestes Naturereignis sind seine Wasserfälle. Hier wird auch immer wieder der eine oder andere Promi gesichtet, jedoch ganz weit weg von Glitzer und Glamour. Ausser für geübte einheimische Flip-Flop-Träger sind Turnschuhe ein Muss. Beim Weg über Stock und Stein, im und am Wasser oder hangauf- und abwärts fühlt man sich ein wenig wie Spiderman. Aber die Kraxlerei wird durch ein erfrischendes Bad und wenn vor allem Mann möchte, mit Felssprüngen in die Tiefe belohnt.

In Montezuma wird auch gesurft, und zwar mit sympathischen und kompetenten Instruktoren. Und man macht hier selbstverständlich auch Yoga – und dies frei von fancy Yogakleidern oder dem Streben nach dem perfekten Krieger. Egal ob jung, alt, dick, dünn, geübt oder nicht, hier macht jeder mit. Und es macht einfach Freude und öffnet einem das Herz, sich mit Blick aufs Meer zu strecken, wobei total egal ist, ob man eine verwaschene Leggins oder ein Pyjama trägt.

Montezuma ist frei von europäischer Wohlstandshektik. Die Menschen leben im Moment. Sie sind präsent, hören einem zu, sind für einen da. Sie verfügen noch über die hierfür notwendigen Ressourcen, weil diese nicht für übertriebenen beruflichen, finanziellen oder gesellschaftlichen Ehrgeiz verschwendet werden. Montezuma bedeutet Freiheit von Schickeria und Hipstertum – und damit auch von Make-Up, Haarföhns, High-Heels, Markenkleidern oder perfekt lackierten Nägeln und gezupften Brauen. Es herrscht Emanzipation vom permanenten Druck, schlank und rank oder besonders sportlich zu sein. Natürlich darf man sich auch hier hübsch machen, aber eben sehr natürlich halt.

In Montezuma ist um sechs Uhr abends finstere Nacht. Dann tummeln sich die Sterne am Himmel, als fänden sie sonst nirgends Platz im Universum. In den Restaurants wird Live-Music gespielt und Organic-Food geschlemmt. Getanzt wird vor allem donnerstags im Chico’s, der einzigen Bar. Einheimische und Touristen feiern hier gemeinsam, fern von Arroganz oder Aufdringlichkeit. Montezumas bestes Restaurant ist gleich auch Costa Ricas bestes Restaurant. Auf Holzstühlen an Holztischen wird einem im Sand bei Kerzenlicht himmlisches Essen serviert.

Montezuma hat weder Post noch Bank oder Apotheke. Der Bankomat funktioniert ab und zu und schluckt gerne Karten. Es gibt zwei kleine Supermärkte, deren Angebot spärlicher ist als in jedem Volg und in denen einem nicht selten auch mal Hunde um die Ohren rennen. Authentisch ist der jeweils samstags stattfindende Markt, an dem Hippies frisches Gemüse, Obst, Brot, Käse und Schmuck verkaufen, während getrommelt wird.

Montezuma ist auch „Montefuma“. Gekifft wird ganztags und überall. Und die hierfür notwendigen Utensilien sind an jeder Ecke, ja sogar im Supermarkt, erhältlich. Wer nicht will, wird aber in Ruhe gelassen. Blöder ist nur, wenn man einen der sehr raren Taxifahrer erwischt, der etwas in anderen Sphären schwebt und während der Fahrt rauchend telefoniert oder SMS tippt. Aber über diese holprigen Strassen fährt man ja ohnehin kaum schneller als 20 Kilometer pro Stunde, weshalb das halb so schlimm ist.

Montezuma ist auch Spanisch-Unterricht in offenem Klassenzimmer am Meer, wobei der Lehrer stets zu spät kommt, einen dafür aber herzhaft umarmt und Kaffee serviert. Montezuma ist, wo man morgens vom Hotelbesitzer Neuigkeiten aus aller Welt erfährt. Herrlich sind auch die Inlandflüge mit einer der beiden nationalen Airlines: Als Check-in-Schalter dient ein schlichter Tisch, selbstverständlich ohne Computer, die Passagierliste ist von Hand geschrieben, die Koffer werden selber zum 20-Plätzer getragen und die Sicherheitshinweise des Piloten dauern 30 Sekunden.

Montezuma ist frei von Kommerz und damit frei von überteuerten Liegestühlen, Beachpartys, Jetskis oder Wet-T-Shirt-Contests. Hier gibt’s höchstens Feuertanz am Strand. Montezuma bedeutet auch Sicherheit. Mitten in Mittelamerika fühlt man sich als allein reisende Frau aufgehobener als an vielen Schweizer Provinzbahnhöfen.

Manch einem ist hier zu wenig los oder fehlt es an europäischem Schnickschnack. Lässt man sich aber auf Pura Vida und ein wenig Bohemia ein und geht womöglich über die Akklimatisierung, die Nachwirkungen der etwas umständlichen Reise und den Jetlag hinaus, lehrt einem Montezuma eine wunderbare Lektion des Seins im Hier und Jetzt. Montezuma ist ein heilender, ehrlicher Ort, eine Art Reha-Center gegen unnötigen Stress und Hektik. Auch wenn die Dinge hier vielleicht schlechter und sicher langsamer funktionieren, irgendwann passt man sich an und regt sich nicht mehr auf. Man schmunzelt höchstens noch. Es geht dann ja doch irgendwie. Fern von gesellschaftlichem Druck hat man hier, wenn man so in der Hängematte chillt und ein Buch liest, manchmal gar das Gefühl, als stünde die Zeit still. Wen wundert’s, dass aus ein paar Tagen Ferien gerne einmal ein paar Wochen oder Monate werden.

Tipps: 

Unterkunft: 

Yoga: 

Restaurant/Bars (Infos auf Facebook und Tripadvisor):

  • Playa de los Artistas
  • Puggo’s
  • Organico
  • Chico’s

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